Ikonische Designsessel: Klassiker mit Datum und Hersteller
Veröffentlicht am Aktualisiert am

Ein Sessel, der seit sechzig Jahren gebaut wird, hat den Beweis seiner Haltbarkeit bereits erbracht – das unterscheidet ihn vom Trendmöbel. Vom nüchternen Barcelona über den umhüllenden Egg Chair bis zum Schaumstoffblock des Up: Hier steht, woher diese Entwürfe kommen, woraus sie bestehen und woran Sie eine offizielle Auflage erkennen.
Was einen Sessel zum Klassiker macht
Ein klassischer Designsessel ist nicht einfach ein Sitzmöbel. Er markiert einen Moment, in dem jemand eine Technik so eingesetzt hat, wie es vorher niemand tat: Stahlrohr statt Holzgestell, geformtes Sperrholz statt Rahmenkonstruktion, Schaumstoff ganz ohne Traggerüst.
Diese Entwürfe erzählen deshalb auch Zeitgeschichte. Sie stehen für das Bauhaus, für die Nachkriegsmoderne, für den Pop der sechziger Jahre – und sie sind in öffentlichen Sammlungen dokumentiert, mit Material, Hersteller und Baujahr.
Wer ein solches Stück kauft, erwirbt ein Möbel mit Aktenlage. Das macht es überprüfbar, und Überprüfbarkeit ist beim Möbelkauf selten.
Die Pioniere der Moderne: Stahl und Leder
Die Moderne brach mit dem gepolsterten Möbel des Bürgertums. Sichtbare Konstruktion, industrielle Werkstoffe, kein verstecktes Innenleben – daraus entstanden Sessel, die heute noch modern wirken.
Der Wassily von Marcel Breuer: Anregung vom Fahrrad
Marcel Breuer war jung am Bauhaus, als ihn der Rohrrahmen seines Fahrrads auf eine Idee brachte: eine tragende Struktur, die fast nichts wiegt. So entstand der Sessel B3, entworfen 1925–1926 und ab 1927–1928 von Standard-Möbel und später von Thonet gefertigt.

Der Sessel verbindet Stahlrohr mit gespannten Bahnen für Sitz, Rücken und Armlehnen – beim Exemplar im V&A aus Baumwollgewebe. Es ist das erste Sitzmöbel aus Stahlrohr, und der Körper des Sitzenden berührt die Struktur an keiner Stelle.
Der Name „Wassily“ kam später auf, nach dem Maler Wassily Kandinsky, Breuers Kollegen am Bauhaus, der das Stück 1925 bewundert hatte. Die ursprüngliche Bezeichnung bleibt B3.
Auch interessantBerühmte Designerstühle: Daten, Materialien, HerstellerDer Barcelona von Mies van der Rohe

Weltausstellung Barcelona, 1929. Ludwig Mies van der Rohe entwirft diesen Sessel für den Pavillon der deutschen Regierung. Strenge und Luxus im selben Objekt.
Das Gestell besteht aus verchromtem Flachstahl mit gebogenen Diagonalbeinen. Es spannt neun Lederriemen unter der Sitzfläche und acht unter der Rückenlehne. Die abnehmbaren Kissen bestehen aus Sattelleder mit Latexschaumfüllung, mit zwölf Knöpfen je Seite. Industrie und Handwerk in einem Stück – Mies’ „Less is more“ in gebauter Form.
Die LC-Reihe von Le Corbusier: die Sitzmaschine
Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand entwickelten die LC-Reihe, zu der LC2 und LC3 gehören. Ihr Prinzip: ein äußerer „Käfig“ aus Stahl, der weiche Kissen aufnimmt. Die Struktur bleibt sichtbar, statt unter der Polsterung zu verschwinden.

Das war ein Bruch mit der klassischen Polsterung. Der Sessel wird zur Sitzmaschine, jedes Element hat eine klare Aufgabe, und der Komfort ergibt sich aus der Konstruktionslogik.
Gutes Design ist keine Stilübung. Es beantwortet menschliche Bedürfnisse mit Verstand – und trennt dafür das Tragende vom Getragenen.
Der LC2 fällt schmaler aus und hält aufrecht; der LC3 ist breiter und lädt zum Zurücklehnen ein.
Die Blütezeit der Jahrhundertmitte: organische Formen
Der Lounge Chair von Charles und Ray Eames
Das V&A datiert den Entwurf auf 1953–1955; das Exemplar seiner Sammlung verließ 1955 die Werkstätten von Herman Miller, unter der Bezeichnung 670.
Die Schalen bestehen aus geformtem, palisanderfurniertem Sperrholz. Das Untergestell ist ein fünfarmiges Drehkreuz aus Aluminium. Die Lederpolsterung ist mit Daunen und Schaum gefüllt. Diese Materialwahl erlaubte die geschwungenen Formen, die den Rücken aufnehmen.
Der passende Ottoman gehört untrennbar dazu – ohne ihn fehlt dem Entwurf die Hälfte seiner Haltung.
Der Egg Chair von Arne Jacobsen
Der Egg Chair ist ein skandinavischer Kokon. Jacobsen entwarf ihn 1958 für die Lobby und die Empfangsbereiche des SAS Royal Hotel in Kopenhagen. Als Architekt des Hauses hat er alles gezeichnet, vom Gebäude bis zum Mobiliar.
Die umhüllende Schale auf dem Drehfuß schafft eine Zone für sich und setzt sich deutlich gegen die senkrechten und waagerechten Flächen des Gebäudes ab. Sechzig Jahre später funktioniert dieser Kontrast in jedem großen, harten Raum genauso.
Der Diamond Chair von Harry Bertoia
Der Diamond Chair ist eine Skulptur aus Luft und Stahl. Bertoia verstand sich vor allem als Bildhauer, und der Raum geht buchstäblich durch seine Sitzmöbel hindurch.
Er arbeitete mit geschweißtem, gebogenem Stahldraht und kam so zu einer rautenförmigen Struktur: leicht und zugleich belastbar. Ein Sitzkissen wird oft ergänzt, doch die Schönheit liegt im nackten Gitter.
Seine Wirkung beruht auf drei Dingen:
- dem Experiment mit industriellen Werkstoffen;
- der Verbindung von Skulptur und Gebrauchsmöbel;
- einer leichten, durchlässigen Form, die mit dem Raum spielt.
Pop und die Wagnisse der Siebziger
Die sechziger und siebziger Jahre stellten das Möbel auf den Kopf: neue Werkstoffe wie Polyurethanschaum, kräftige Farben, verspielte Formen. Manches davon war ausdrücklich politisch gemeint.
Der Ball Chair von Eero Aarnio: ein Raum im Raum
Eero Aarnios Idee von 1963: ein Raum im Raum. So entstand der Ball Chair, auch Globe Chair genannt – eine Kugel aus Glasfaser, die auf einem runden Metallsockel dreht, ab 1966 von Asko gefertigt.
Sitz und Rückenlehne sind so weit vergrößert, dass ein kleines Umfeld entsteht, das den Sitzenden abschirmt. Aarnio ließ in einige Exemplare Telefone einbauen: Die Kugel funktioniert wie ein eigener kleiner Raum.
Der Up von Gaetano Pesce: ein Schwamm unter Vakuum
Der Sessel Up von Gaetano Pesce, „La Mamma“, ist ein Manifest. Das Modell UP 3 entstand 1969 und wurde von C&B Italia in Novedrate gefertigt. Die Idee kam Pesce beim Nachdenken über den Aufbau eines Schwamms.
Ein Möbel kann mehr sein als ein bequemer Gegenstand. Es kann eine Stimme haben, eine Aussage, die über ihre Zeit hinaus verstanden wird.
Er besteht aus Polyurethan-Hartschaum, ganz ohne inneres Traggerüst. Genau das erlaubte es, ihn unter Vakuum zu verpacken und flach zu versenden: Der Käufer öffnete die Hülle, und der Sessel nahm vor seinen Augen seine Form an. Das Auspacken wurde zur Vorführung.
Der Pacha von Pierre Paulin
Pierre Paulin war der Meister der Kurve. Der 1975 entstandene Pacha steht für seinen skulpturalen Stil: keine Beine, direkt auf dem Boden. Runde, großzügige Formen ohne einen einzigen Winkel, ein Vorläufer des Wohnens auf niedriger Ebene.
Der Komfort war hier der Ausgangspunkt, nicht das Ergebnis. Heute kehrt der Sessel zurück, vor allem in der Ausführung mit Bouclé-Bezug.
Wie ein Klassiker in eine heutige Wohnung passt
Der Irrtum liegt in der Annahme, ein klassischer Designsessel brauche ein Vintage-Umfeld. Er lebt vom Gegenteil, vom Kontrast.
Spielen Sie die Materialien gegeneinander aus. Ein B3 aus kaltem Stahl auf einem dicken Berberteppich ergibt eine Verbindung, die man nicht erwartet. Ein Lounge Chair aus Leder und Holz wärmt ein Wohnzimmer mit Sichtbetonwänden. Patiniertes Leder, weiches Bouclé, Samt: Setzen Sie diese Stoffe zu harten Strukturen.
Auch der Stilbruch trägt. Ein Egg Chair mit seinen organischen Kurven bricht die Strenge einer sehr geradlinigen Küche. Ein Barcelona mit Chromgestell und Leder bringt geometrische Ordnung in eine bunte, weiche Einrichtung.
Und der Sessel braucht Platz. Stellen Sie nichts dazu, was um Aufmerksamkeit konkurriert – als Blickpunkt eines Raums wirkt er stärker als in einer Möbelgruppe.
Drei konkrete Griffe:
- Ein starkes Stück wie den Lounge Chair mit neutralen Elementen umgeben, damit der Raum nicht überladen wirkt.
- Mit Texturkontrasten arbeiten: Das glatte Leder eines LC2 kommt vor einer Ziegelwand erst richtig zur Geltung.
- Den Bruch wagen: ein Pop-Sessel wie der Ball Chair in einer sehr klassischen Umgebung.
Mehr als ein Kauf
Ein klassischer Designsessel ist ein Möbel mit Geschichte, und er ist auf Weitergabe gebaut. Die Verarbeitungsqualität der offiziellen Auflagen ist der Grund, warum diese Stücke nach Jahrzehnten noch im Handel zirkulieren statt auf dem Sperrmüll.
Wer sich für einen dieser Sessel entscheidet, entscheidet sich für ein Stück, das den eigenen Umzügen, Wohnungen und Moden standhält. Das ist der praktische Kern dessen, was als Designerbe bezeichnet wird.
Richtig-oder-falsch-Quiz
Richtig oder falsch: Irrtümer über die Kultsessel
Frage 1 / 4
Eine Sicherheitsnorm wie DIN EN 1728 garantiert, dass ein Sessel bequem ist.
Sie beschreibt Prüfverfahren für Festigkeit und Dauerhaltbarkeit der Konstruktion. Ihr Anwendungsbereich nimmt Ergonomie, Alterung und Degradation ausdrücklich aus – und sie enthält selbst keine Anforderungen: Die stehen in den zugehörigen Produktnormen.
Frage 2 / 4
Der Sessel Up von Gaetano Pesce wurde von Anfang an von B&B Italia hergestellt.
Das V&A schreibt die Fertigung seines Exemplars C&B Italia in Novedrate zu. Das Modell UP 3 entstand 1969 und wurde 1970 gefertigt, aus Polyurethan-Hartschaum ganz ohne inneres Traggerüst.
Frage 3 / 4
Der Ball Chair von Eero Aarnio ist eine Glasfaserschale auf einem Drehfuß.
Das V&A beschreibt eine Kugel aus Glasfaser, die auf einem runden Metallsockel dreht, entworfen 1963 und 1966 von Asko gefertigt. Aarnio ließ in einige Exemplare Telefone einbauen – so sehr funktioniert die Kugel als eigener kleiner Raum.
Frage 4 / 4
Der Barcelona Chair wurde für den deutschen Pavillon der Weltausstellung 1929 entworfen.
Mies van der Rohe entwarf ihn für den Pavillon der deutschen Regierung in Barcelona. Gestell aus verchromtem Flachstahl mit gebogenen Diagonalbeinen, neun Lederriemen unter der Sitzfläche, acht unter der Rückenlehne, Kissen aus Sattelleder mit Latexschaum.
Häufige Fragen
- Muss ein Wohnzimmersessel einer Norm entsprechen?
- Es gibt eine eigene europäische Norm dafür: DIN EN 12520 in der Ausgabe April 2025, die Anforderungen an Sicherheit, Festigkeit und Dauerhaltbarkeit von Sitzmöbeln für den Wohnbereich festlegt. Die zugehörigen Prüfverfahren beschreibt DIN EN 1728. Keine von beiden ist ein Gütesiegel: Fragen Sie den Verkäufer, ob das Modell nach diesen Regelwerken geprüft wurde und bis zu welcher Belastung.
- Ist ein normgerechter Sessel automatisch bequem?
- Nein, und die Norm sagt es selbst. Der Anwendungsbereich von DIN EN 1728 nimmt Ergonomie ausdrücklich aus, ebenso Alterung und Degradation der Werkstoffe. Diese Prüfungen messen, was die Konstruktion aushält, nicht was der Rücken spürt. Bequemlichkeit beurteilen Sie im Sitzen, über mehrere Minuten, mit Sitztiefe und Armlehnenhöhe als Anhaltspunkten.
- Woran erkenne ich, ob ein ikonischer Sessel eine offizielle Auflage ist?
- Ein Modell, das noch unter Schutz steht, wird nur vom Lizenznehmer gefertigt; er bringt seine Kennzeichnung am Möbel an und liefert ein Zertifikat. Verlangen Sie die genaue Modellbezeichnung – B3 statt „Wassily“, 670 statt „Lounge Chair“ – und das Jahr der Auflage, das nicht das des Entwurfs ist. Museumsdatenblätter wie die des V&A nennen Material, Hersteller und Baujahr zum Vergleich.
- In welchem Jahr entstand der Lounge Chair der Eames?
- Das V&A datiert den Entwurf des Modells 670 auf 1953–1955; das Exemplar seiner Sammlung wurde 1955 von Herman Miller gefertigt. Es verbindet Schalen aus geformtem, palisanderfurniertem Sperrholz mit einem fünfarmigen Drehkreuz aus Aluminium und einer Lederpolsterung mit Daunen- und Schaumfüllung.
- Wurde der Egg Chair wirklich für ein Hotel entworfen?
- Ja. Arne Jacobsen (1902–1971) entwarf ihn 1958 für die Lobby und die Empfangsbereiche des SAS Royal Hotel in Kopenhagen, dessen Architektur ebenfalls von ihm stammt. Ein typischer Fall des Gesamtauftrags, bei dem der Architekt das Gebäude und sein Mobiliar zugleich zeichnet.
Quellen
- 1
- 2
AFNOR – Norm'InfoNF EN 1728 – Ameublement, sièges : méthodes d'essais pour la détermination de la résistance et la durabilité
- 3
Victoria and Albert MuseumClub chair, model B3, Marcel Breuer, 1925-1926
- 4
Victoria and Albert MuseumBarcelona chair, Ludwig Mies van der Rohe, 1929
- 5
Victoria and Albert MuseumLounge Chair (Modell 670), Charles und Ray Eames
- 6
Fritz HansenArne Jacobsen, Designer – der Egg Chair und das SAS Royal Hotel
- 7
Victoria and Albert Museum'Ball' chair 08702, Eero Aarnio, 1963
- 8
Victoria and Albert MuseumUP 3, Gaetano Pesce, 1969
